Weiße Armbinden - Textauszug

Weiße Armbinden - Textauszug

Beitragvon berghĂŒgel » Do 30. Apr 2015, 16:56

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Vor 70 Jahren:
Weiße Armbinden
(Leseprobe aus „In die die Stille gerettet“ - Autor Harry Popow)

Donnerwetter, so ein GlĂŒck, sagen Mama und Papa, als sie ihr Mietwohnhaus in Berlin–Schöneberg unzerstört wiedersehen. Hier hat die Familie vor der Evakuierung gewohnt. Aber deren Wohnung in der dritten Etage links ist inzwischen besetzt, die Ziebers dĂŒrfen in die zweite Etage rechts. Aber noch heulen herzzerreißend und furchterregend die Sirenen. Nacht fĂŒr Nacht, manchmal auch tagsĂŒber. Sie mĂŒssen im Keller bleiben. Provisorisch sind Bettgestelle aufgebaut, manchmal liegen nur Matratzen da. Brot auf Zuteilung, gleich fĂŒr mehrere Tage. Wenn irgendwo Bomben heulend und krachend in HĂ€user schlagen und die Erde bebt, dröhnt und stöhnt, dann bleibt das Herz stehen vor Angst. Jede Sekunde kann es auch das eigene Miethaus erwischen, jede Minute ... Papa muß nun doch noch an die Front, zum Volkssturm, wie er sagt. Nach drei Tagen ist er wieder da. Dort, wo er sich melden sollte, seien schon die Russen. Wie froh die Kinder sind ... Henry hört, wie er Mama von Menschen berichtet, die an Laternen aufgehĂ€ngt wurden, an ihnen ein Schild mit der Aufschrift: Ich bin ein VerrĂ€ter. Es ist alles so schrecklich und gruselig. Eines Nachts nimmt Papa seinen GrĂ¶ĂŸten mit aufs Dach des Hauses. Der Ängstliche sieht die langen blĂ€ulich-weißen Strahlen der Scheinwerfer, die den Himmel nach Flugzeugen abtasten. Dann schrillen wieder die Sirenen. Henry schaut tapfer und zitternd. Papa lĂ€ĂŸt ihn wieder frei und Mama schimpft unten im Keller.

Nach vielen, vielen Tagen stehen an der KellertĂŒr Soldaten, spĂ€ter erfĂ€hrt Henry, es waren Mongolen. Sie wollen irgendetwas. Man holt Mama, sie sei doch Russin. Die Soldaten wollen nur etwas Tee, doch zuvor muß sie einen Schluck nehmen. Das ist selbstverstĂ€ndlich, sagt Mama, sie mĂŒssen vorsichtig sein, sind natĂŒrlich mißtrauisch. Es muß der neunte Mai gewesen sein, Henry streift sich nach dem Aufstehen soeben lange StrĂŒmpfe ĂŒber, da sagt seine Mutter ganz leise, als wĂŒrde sie es noch nicht glauben, den folgenschweren Satz: „Ab heute ist Frieden.“ Sie drĂŒckt ihren Ältesten und hat TrĂ€nen in den Augen ...

Elektrischen Strom gibt es vorlĂ€ufig nicht. Papa stellt ein Fahrrad in den Flur und auf den Kopf, drĂŒckt den Dynamo an die Reifen, legt Leitungen in die KĂŒche und in die Wohnstube, und Henry darf die Pedalen schwingen. Die LĂ€mpchen glimmen auf. Die Kinder sind stolz auf Papas Erfindungsgeist. Und froh und neugierig machen Henry, Sophia und Axel die ErzĂ€hlungen von Mama ĂŒber ihr Rußland: ĂŒber die Datsche ihrer Tante, ĂŒber die Blumen, ĂŒber Tanten, ĂŒber deren Kuchen, ĂŒber das viele Spielzeug von Mama, das man auf einem Foto sehen kann. Ihre Heimat darf den Kindern nun nĂ€her kommen, sie wird so vertraut werden, daß die Kinder sich wĂŒnschen, bald nach Moskau zu ziehen, so trĂ€umen sie von einer glĂŒcklichen Zukunft, die ihnen die warmherzigen Worte ihrer  Mutter eingibt. Das grĂ€bt sich in Henrys Bewußtsein so fest ein, daß er in der Schule die Sowjetunion als „schon immer gut“ verteidigen wird gegen die Behauptung, sie hĂ€tte erst einmal eine Revolution machen mĂŒssen, bevor sie ganz prima wurde.

Bei Ziebers herrscht kurz darauf trotz der Freude ĂŒber den Frieden schmerzliche Trauer. Berno, der zweijĂ€hrige Bruder, hat LungenentzĂŒndung, und, er schafft es nicht. Unser Bruder! Mama ist kraftlos auf den Fußboden gesunken im Hausflur und schluchzt und schluchzt herzzerreißend, die Kinder zittern und heulen. Damit nicht genug: Arnold, der jĂŒngste, hat Keuchhusten. Er wird an den Beinen nach oben gehalten, wird mit Fett (Margarine oder?) eingerieben. Wie durch ein Wunder – er wird gerettet. Langsam erobern die Kinder der Ziebers wieder die Straße. Aber vor die HaustĂŒre treten darf nur, wer eine weiße Armbinde trĂ€gt. Henry hat keine, will aber wissen, wie weit er sich hinauswagen darf. Also schneidet er sich zwei Streifen weißes Papier zurecht, befestigt sie an beiden Oberarmen. TĂŒr auf und mal sehen, was da passiert. Er dreht seine Arme aber nach hinten. Auf der anderen Straßenseite hockt in einer Hausruine ein Soldat. Henry sieht den Lauf einer Waffe, der sich nach oben bewegt, direkt auf Henry. Der kriegt Schiß. Da streckt er seine zwei Arme mit den Binden vor. Der Lauf senkt sich wieder. Der Junge holt tief Luft, er ist fast stolz auf seine Mutprobe und daß er die geforderten Binden vorzeigen konnte. Mit paar Freunden zieht er zur nĂ€chsten Straßenecke. Dort war mal eine Panzersperre. Die sollte den „Feind“ aufhalten. Doch die Kinder sehen nur einen zerschossenen und niedergewalzten TrĂŒmmerhaufen. Knorke, wie die Russen das gemacht haben, bestĂ€tigen sie sich gegenseitig. In den Ruinen stinkt es. Brandgeruch. An einer Pumpe holen sich die Leute Wasser. Ein russisches Pferdefuhrwerk hĂ€lt, Soldaten verteilen Schwarzbrot. „Chleb“ heißt das Brot, sagt die  Mutter. Sie ist so stolz auf ihre Landsleute, auf ihr großes Land. Und wieder muß sie davon berichten, von blĂŒhenden BĂ€umen im Garten ihrer Tante bei Moskau, von einem Bild voller Schönheit, wo das Edle und Gute zu Hause sind. Die Kinder glauben fest an ihre ErzĂ€hlungen, besonders der Henry, der ewige TrĂ€umer. Und so setzt sich fest in seinem Inneren ein BedĂŒrfnis nach Harmonie, nach Menschlichkeit, Schutzschild und Richtschnur fĂŒr Visionen zugleich ...

(2010: Harry Popow - „In die Stille gerettet“. Persönliche Lebensbilder. Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2010, 308 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86268-060-3

2015: Harry Popow: „Platons Erben in Aufruhr. Rezensionen, Essays, Tagebuch- und Blognotizen, Briefe“, Verlag: epubli GmbH, Berlin, 316 Seiten, http://www.epubli.de , ISBN 978-3-7375-3823-7, Preis: 16,28 Euro)
berghĂŒgel
 
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