TrÀumender Trommler

TrÀumender Trommler

Beitragvon berghĂŒgel » Mi 3. Apr 2019, 17:39

SOLDATEN FÜR DEN FRIEDEN (Teil drei)

Leseprobe aus „AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder“ anlĂ€sslich des 70. Jahrestages der GrĂŒndung der DDR am 07. Oktober 1949

Der Autor Harry Popow wurde 1936 in Berlin-Tegel geboren, wuchs in der DDR auf, arbeitete als MilitĂ€rjournalist im Dienstgrad Oberstleutnant in der NVA und betĂ€tigt sich heute als Blogger, Buchrezensent und Autor. Er ist seit 1961 glĂŒcklich verheiratet.

TrÀumender Trommler

Von berghĂŒgel

Tamara arbeitet inzwischen als Personalchefin beim 2. Gleisbau, eine wichtige Strecke fĂŒr die WISMUT von Johanngeorgenstadt nach Aue im Erzgebirge. Henry und seine Geschwister werden von Tante Lotte versorgt. Mit ihr fahren sie im Sommer 1949 nach Rathen im Elbsandsteingebirge. Sie wohnen in der romantischen Burgruine Rathen, direkt ĂŒber der Elbe. In der Burg ist ein Hotel untergebracht. FrĂŒher gehörte sie einem Schweizer Bankier, so ist zu erfahren. SpĂ€ter wird sich eine Sparkasse aus Berlin die „Ruine“ als Ferienheim einrichten. In Erinnerung bleiben die Wanderungen zum Amselsee und zur Bastei, in der FelsenbĂŒhne Rathen begeistert sie die Operette „SchwarzwaldmĂ€del“. Die Burgkost ist schmal, deshalb holen sie beim Fleischer fĂŒr fĂŒnfzig Pfennige heiße KnochenbrĂŒhe, denn der Hunger ist noch ein stĂ€ndiger Begleiter. Henry zeichnet eine Skizze von der Burg. Außerdem will er „wissenschaftlich“ arbeiten, so beobachtet er mit seinem einrohrigen Fernglas, das er von seinem Papa hat, die tĂ€glichen Wolkenbewegungen und notiert`s in einem Heftchen. Er fĂŒhlt sich wohl. Schliesslich ist eine Karte an Mama fĂ€llig: Ich schreibe Dir den ersten Gruß aus Kurort Rathen. Sei bitte nicht traurig, daß ich solange nicht geschrieben habe. Eben kommen wir von einem Spaziergang zurĂŒck. Es geht uns hier sehr gut. Ich freue mich sehr ĂŒber die herrliche Gegend. Gestern waren wir trotz schlechtem Wetter mit Eberhardt zum Felsen ‚TalwĂ€chter‘. Mama, ich bin wirklich schreibfaul. Herzliche KĂŒsse von Deinem Henry.

ZurĂŒck nach Berlin-Friedrichshagen. In der Bölschestraße, der Hauptstraße, wird ein Jugendklub gegrĂŒndet. Der gehört der neuen Pionierorganisation. Dort trifft man sich und bekommt auch blaue HalstĂŒcher. Henry will auch mitmachen. Er geht einfach hin. Der soeben gegrĂŒndete Fanfarenzug zieht ihn an, vor allem das Trommeln. Man ĂŒbt oft. Erst im Keller des Klubs, dann auf der Straße, wo viele interessiert zusehen. Das gefĂ€llt Henry. Und dann heißt es: „Wir bereiten uns auf eine große Sache vor ...“

Nach der Schule wird tĂŒchtig geprobt. Fast jeden Abend. Dann ist es soweit. Ein neuer Staat wurde am 7. Oktober 1949 gegrĂŒndet – die DDR! Der Fanfarenzug trifft sich am 11. Oktober mit Tausenden anderen im Lustgarten. Fackeln, Fanfaren, Menschen ĂŒber Menschen. Und alle fröhlich und voller Erwartung. Extra fĂŒr diesen Anlass wurden viele kleine BĂ€umchen am Rande des Platzes gepflanzt. Dieser historische Abend war ein unauslöschliches Erlebnis. Wenige Tage danach bekommt auch Henry sein blaues Halstuch. In der Pioniergruppe geht es lebendiger zu als in der Schule. Da gibt es BĂŒcherabende, man ĂŒbt sich im Laienspiel, man lernt Lieder wie „Du hast ja ein Ziel vor den Augen“, „Dem Morgenrot entgegen“ und „Dunja unser BlĂŒmelein ...“ Er fĂŒhlt sich wohl, ist mittenmang. „Disziplin Pioniere!“, ermahnt oft der Gruppenleiter. Neue Worte fĂŒr die SchĂŒler. Langsam nisten sie sich ein in den Köpfen. Im Kino von Karlshorst besuchen die „Jungen Pioniere“ eine Veranstaltung mit Erich Weinert. Wer das ist? Der Gruppenleiter erklĂ€rt, es ist ein Schriftsteller, der in die Sowjetunion emigrieren musste und dort im Nationalkomitee Freies Deutschland gegen die Faschisten gekĂ€mpft hat. Dieser Mann beeindruckte Henry ungemein.

Henry ist seit der Scheidung der Eltern mit seinen Geschwistern oft alleine. Mama arbeitet im Erzgebirge, zum Vater gibt es keine Kontakte und die HaushĂ€lterin Tante Lotte hat andere Sorgen, als die vielen Fragen zu beantworten, besonders die von Henry. Es interessiert ihn, warum wird denn soviel aufgebaut, wenn doch wieder Krieg kommen könnte, wie man im Radio immer hört ... Aber er bleibt alleine mit seinen Fragen 
 Viel spĂ€ter wird er erkennen, mit den Fragen fĂ€ngt das Denken an.

Zum Inhalt
Ausgangssituation ist Schweden und das Haus, in dem die Popows wohnen. Der Leser erfĂ€hrt zunĂ€chst, wer die Eltern waren (seine Mutter stammt aus Moskau), berichtet kurz vom Evakuierungsort 1943/44 in Pommern, von der RĂŒckkehr in das noch unter Bombenhagel liegende Berlin (Schöneberg), von den EindrĂŒcken nach Kriegsende und vom Einleben in der neuen Gesellschaft, dabei auch von einer Begegnung der Jungen Pioniere mit Wilhelm Pieck.

Die Lehrzeit wird skizziert mit der Arbeit im Zwickauer Steinkohlenrevier, mit TÀtigkeiten in der Geologischen Kommission der DDR und mit dem Besuch der Offiziersschule der KVP/NVA in Erfurt und in Plauen, wo er seine spÀtere Frau kennenlernte.

Wie lebt ein junger Offizier in der Einöde im Nordosten der DDR, welche Gedanken und GefĂŒhle bewegen ihn? Darum geht es in den nĂ€chsten Aufzeichnungen seiner Impressionen. Seine TrĂ€ume fĂŒhren ihn mitunter weg vom Kasernenalltag und so nimmt er die Gelegenheit wahr, fĂŒr fĂŒnf Monate im Walz- und Stahlwerk EisenhĂŒttenstadt als einfacher Arbeiter tĂ€tig zu sein.

Durch Versetzungen gelangt er nach Potsdam. Dabei kommen Querelen des Alltags als Ausbilder und spĂ€ter als Politoffizier nicht zu kurz. Ein GlĂŒcksfall fĂŒr ihn, als er nach Neubrandenburg in einen höheren Stab als Redakteur berufen wird. Er beginnt ein Fernstudium als Diplomjournalist an der Karl-Marx-UniversitĂ€t in Leipzig. Inzwischen ist er lĂ€ngst glĂŒcklich verheiratet. Die Höhen und Tiefen eines MilitĂ€rjournalisten – die zwingen ihn, vieles neu zu ĂŒberdenken. Vor allem als einstiger Ausbilder gelingt es ihm, die Probleme der Soldaten immer besser zu verstehen und sie bildhaft zu schildern.

Die spĂ€tere Arbeit als Abteilungsleiter in der Wochenzeitung „Volksarmee“ macht ihm nicht nur Spaß, er nimmt auch Stellung gegen Ungereimtheiten, was ihm nach der Entlassung aus dem aktiven Armeedienst und der TĂ€tigkeit als Journalist im Fernsehen der DDR nicht nur böse Blicke einbringt. So fĂ€hrt er im September 1989 seiner Tochter nach Ungarn hinterher, um herauszukriegen, weshalb sie mit ihrem Partner abgehauen ist; er gibt ihr dabei das Versprechen, sie in keiner Weise als Tochter zu verurteilen. Nach seiner RĂŒckkehr wird er mit einer Parteistrafe gerĂŒgt, die Wochen spĂ€ter angesichts der vermeintlichen VerstĂ¶ĂŸe und Fehler durch die Politik nicht mehr relevant scheinen und wieder gestrichen wird. Auf UnverstĂ€ndnis stĂ¶ĂŸt er auch bei seinen Mitarbeitern, als er nach der Teilnahme an der Dokumentarfilmwoche1988/89 in Leipzig angeblich nicht die erwarteten Schlussfolgerungen zieht.

Nach der Wende: Versuche, arbeitsmĂ€ĂŸig Fuß zu fassen, u.a in Gran Canaria und in einer Steuerfirma. Die Suche nach Alternativen, gĂŒnstiger zu wohnen, sowie die Sehnsucht nach Ruhe fĂŒhrt das Ehepaar nach Schweden.

Episoden aus dem Dorfleben und von vielen Begegnungen, so z.B. bei der Geburtstagsfeier einer siebzigjĂ€hrigen Schwedin, machen den Alltag und die feierlichen Momente in der „Stille“ nacherlebbar. Keine der in der DDR erlebten WidersprĂŒche und politischen UnterlassungssĂŒnden wirft den ĂŒberzeugten Humanisten aus der Bahn, wogegen die Kapitaldiktatur mit ihren hörigen Medien, politische Manipulationen und LĂŒgen im angeblich so demokratischen Deutschland ihn aufbringen – er bleibt ein Suchender!

Harry Popow: AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder in Umbruchzeiten. Taschenbuch: 500 Seiten, Verlag: epubli; Auflage 1 (18. Februar 2019), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3748512988, ISBN-13: ISBN: 9783748512981, Preis: 26,99 Euro



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