DEN JAHREN LEBEN GEBEN...

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DEN JAHREN LEBEN GEBEN...

Beitragvon berghĂŒgel » Mi 30. Jan 2019, 15:08

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„Wunderwasser Harkány. Ein Gesundheitstrip & kulturhistorischer Ausflug in die Baranya – Heimat der Donauschwaben.“ - Karl-Heinz Otto


DEN JAHREN LEBEN GEBEN 


Buchtipp von berghĂŒgel

Dieses Buch „Wunderwasser HarkĂĄny“ mit dem Untertitel „Ein Gesundheitstrip & kulturhistorischer Ausflug in die Baranya – Heimat der Donauschwaben“ könnte leicht in die irrige Annahme fĂŒhren, es handele sich nur um die Gesundheit des Autors mit hinzugefĂŒgten Reiseerlebnissen. Nein, es ist ein PlĂ€doyer fĂŒr die Liebe. Und so muss ich als Rezensent gleich jenen Schlusssatz des Autors Karl-Heinz Otto hervorheben, den ich fĂŒr den tiefsinnigsten des in letzter Zeit gelesenen halte: „Es kommt nicht darauf an, dem Leben Jahre zu geben, sondern den Jahren Leben!“


ErgĂ€nzend hebt er auf Seite 365 hervor: „Was fĂŒr die gesamte Menschheit der Frieden ist, ist fĂŒr das Individuum die Gesundheit, „denn sie bedeutet, Frieden mit seinem Körper und Geist zu schließen ...“


Wer so genau hinschaut auf die wahren Werte fĂŒr die Menschen, der nimmt auch nicht jeden angeblich gut gemeinten Ratschlag auf, weder von der Politik noch von Ärzten. So ist zu lesen, dass der Autor seit dem 68. Lebensjahr an einer schmerzhaften HĂŒftarthrose litt, und der Arzt ihm alternativlos eine HĂŒftprothese empfahl. Im Hinblick auf die Beschwerden seiner Mutter, die nach mehrmaligen HĂŒft-Operation schließlich auf einen Rollstuhl angewiesen war, lehnte Carlotto, wie er sich als Schriftsteller nennt, jeglichen operativen Eingriff ab. Er fragte sich, wie er es bisher in seinem ganzen Leben gewohnt war, ob es nicht eine Alternative gebe, von dem der Herr Doktor nicht eine einzige erwĂ€hnt hatte. Etwa des ausbleibenden Gewinns wegen? Sein kritischer Geist und sein Mut verhalfen ihm jedenfalls, am Vorschlag seines Arztes zu zweifeln.

Dabei zweifelte er keinesfalls Kompetenz und Können seines Arztes an, sondern hinterfragte lediglich dessen vorschnelle Entscheidung, um möglicherweise doch noch eine Alternative zur HĂŒftoperation zu finden. Wenn der geneigte Leser diese Haltung auch fĂŒr sich positiv zu vermerken weiß, dann wohl auch fĂŒr die Fragen von Krieg und Frieden. Der Autor, um es vorwegzunehmen, hat auch folgenden Satz als seine Lebensmaxime betrachtet: Er mache sich keine Gedanken darĂŒber, was er nicht beeinflussen kann. Doch er widerspricht sich selber: Denn jede Zeile dieses Buches handelt nicht von Wundern, sondern vom prallgefĂŒllten Leben eines aktiven und lebenshungrigen Menschen, der mit tausenden kleinen und großen Taten den Jahren Leben gab und gibt.

Die Neugier, der Wissensdrang, das Wunder von menschlicher Kraft und EinfĂŒhlungsvermögen – sie sind es, die das eigentliche Wunder darstellen. Nicht allein das Heilwasser ist es, dass das Wunder zu 99.99 Prozent vollbringt, seine HĂŒftleiden zu heilen (siehe Seite 122) und das Leben wieder in vollen ZĂŒgen zu genießen, sondern der menschliche Wille, die heilenden NaturkrĂ€fte zu erforschen, zu analysieren und fĂŒr sich nutzbar zu machen. Und wĂ€re der nach Heilung suchende Autor nicht von einer möglichen Alternative ĂŒberzeugt gewesen und hĂ€tte nicht Kraft, Ausdauer und die notwendigen finanziellen Mittel aufgebracht, hĂ€tte er wohl nie das europaweit einmalige Wunderwasser von HarkĂĄny aufgespĂŒrt.

Folgen wir als Leser dieser Odyssee, die ihn zunĂ€chst nach Bad Doberan, nach Heiligendamm und in das slowakische Weltbad Pistany fĂŒhrt, um endlich in einer Zeitreise durch die Geschichte der Baranya und Ungarns zu enden, dann finden wir auf nahezu allen Seiten die Liebe Karl-Heinz Ottos zu den Mitmenschen, seine ausgeprĂ€gte Sucht, der Geschichte und den von den gesellschaftlichen Bedingungen abhĂ€ngigen Menschen und deren Mut zum Überleben auf den Grund zu gehen.

Seine erste Reise nach Ungarn verdankt er persönlichen Beziehungen. Dort trifft er sich mit seinen ehemaligen Schulkameraden Ingrid und Rolf Poser, die nach der politischen RĂŒckwende ausgewandert waren. Der ehemalige BotschaftssekretĂ€r hat sich am Rande der ungarischen Puszta der Weinkelterei verschrieben und macht sich als talentierter Laienmusiker und versierter Akkordeonspieler im dortigen katholischen Kirchenchor nĂŒtzlich.

Diese und viele andere Kontakte zu Ungarn, Donauschwaben, Literaturfreunden, Bauern und Katholiken bereichern nun das Leben des Autors. Er gewinnt nicht nur neue Leser fĂŒr seine BĂŒcher, er erfĂ€hrt Lebensgeschichten, Schicksale und Lebensbedingungen auf Dörfern und in StĂ€dten. Ihn interessieren neben Lebensgeschichten seiner Wahlverwandten, wie er sie bisweilen nennt, vor allem deren Kenntnisse ĂŒber die Geschichte des Landes, ĂŒber ihre Burgen, Schlösser und anderen kulturellen DenkmĂ€ler. Beeindruckend, mit wieviel Liebe er seine Freunde zeichnet und seine Leser an deren – manchmal auch kontrovers gefĂŒhrten – GesprĂ€chen und Disputen teilhaben lĂ€sst, die sie selbst beim Baden im Heilwasser fĂŒhren. Da zu den BadegĂ€sten neben einheimischen Ungarn auch zahlreiche Serben und Kroaten, Tschechen und Slowaken gehören, kommen auch so manche Erinnerung an sozialistische Zeiten ins Spiel. Er verneigt sich vor der Gastfreundschaft, vor der ehrlich gemeinten Höflichkeit und den KochkĂŒnsten seines Gastlandes.


Es gibt keinen einzigen Ausflug des neugierigen Autors in die sĂŒdungarische Baranya, bei dem er lediglich die Schönheit der jeweiligen Feste oder Kirche beschreibt. Stets hinterfragt er, weshalb diese steinernen Zeitzeugen aus dem jahrhundertealten Kampf gegen die TĂŒrkenherrschaft noch heute so zahlreiche Besucher anziehen? Der atheistisch geprĂ€gte Autor bemĂŒht sich, HintergrĂŒnde und ZusammenhĂ€nge zu erkennen und setzt sich vor allem kritisch mit den AuswĂŒchsen der katholischen Kirche auseinander, ohne ehrliche GlĂ€ubige zu verletzen. So nimmt er an Schrifttafeln Verschleierungen von RealitĂ€ten wahr, setzt sich auf Seite 205 mit der Behauptung auseinander, „den Ursprung der Kirche in die Römerzeit zurĂŒckzuverlegen“. Über einen Katholiken und dessen Glauben an fantastische Erscheinungen fĂ€llt er kein Urteil, kann und darf er auch nicht als toleranter Mensch, solle doch jeder seinen Glauben pflegen, wenn er ihm guttut. Durch Wallfahrerei komme ja niemand zu Schaden, dafĂŒr aber „durch das Segnen der christlichen Waffen und Krieger wĂ€hrend der letzten verheerenden Weltkriege“. (Seite 223)

Einen aktuellen Seitenhieb gegen die beiden herrschenden deutschen Parteien, die sich als Christen verstehen, lesen wir auf Seite 232: „Statt der Bibel zu folgen und Schwerter zu Pflugscharen umzuschmieden – also abzurĂŒsten –, folgen sie diesem amerikanischen WahnsinnsprĂ€sidenten und verschleudern immer höhere Milliardensummen fĂŒr immer grausamere Tötungsinstrumente, obwohl die Bundesrepublik Deutschland von keinem einzigen Staat militĂ€risch bedroht wird ...“

Selbst im Wunderwasser in HarkĂĄny, so schreibt der Autor auf Seite 342, erwacht in ihm sein Hunger, „den schillernden Facetten des Lebens nachzuspĂŒren und meine nie versagende Neugier zu befriedigen“. So fragt er sich, wer der ungarische MinisterprĂ€sident ist, „an dem die vielfachen SchmĂ€hrufe aus allen Ecken Europas stoisch abzuprallen scheinen“? Trotz der kostenlosen öffentlichen Verkehrsmittel fĂŒr EU-PensionĂ€re, trotz der Legalisierung der familiĂ€ren steuerfreien Schnapsbrennerei fĂŒr den Eigenbedarf, was natĂŒrlich beim Volk gut ankommt. Weshalb aber die Anfeindungen aus dem Ausland? Ist es dessen Staatsprogrammatik, wie der Autor auf Seite 354 feststellt, die auf dem christlichen ÁrpĂĄden-Mythos fußt? Ist es dessen Anti-Migrationsrede, die an die „simpelsten Instinkte“ appelliert und eine dĂ€monische Angsthysterie schĂŒrt, obwohl die Ursachen fĂŒr die FlĂŒchtlingskrise bei den westeuropĂ€ischen und den USA-RĂŒstungsgewinnlern liegen? Der Autor resĂŒmiert, sein OrbĂĄn-Bild habe sich grĂŒndlich eingetrĂŒbt.

Das ResĂŒmee fĂŒr den Leser mag so aussehen: Einem Menschen mit fundiertem Wissen ĂŒber gesellschaftliche und geschichtliche ZusammenhĂ€nge mag vergönnt sein, mit offenen Augen die Welt zu sehen, sie anzuschauen. Diese Haltung ist es, die einem Urlauber, Touristen oder auch Leser erlaubt, jegliche Erscheinungen zu hinterfragen, nach Antworten zu suchen und sich selbst einzubringen, statt sich wie ein lahmes Schaf durch den Alltag treiben zu lassen.

Was fĂŒr ein Gewinn des Autors, nach ĂŒber einem Dutzend Kuraufenthalten in HakĂĄnys Wunderwasser mit seinen eigenen HĂŒftgelenken wieder schmerzfrei die Welt und sein Leben genießen zu können.

Der Autor, so heißt es auf den letzten Seiten, wĂŒnscht ebenso anderen Lesern oder auch Leidtragenden ebenso Widerstandskraft gegenĂŒber ausschließlich profitorientierten HeilvorschlĂ€gen mancher Chirurgen. Und sicherlich auch dies: Nach Alternativen suchen sollte man nicht nur auf dem Gebiet des Gesundheitswesens.

Die Haltung, stets mehr zu erfahren, also in die Tiefe zu gehen mit aller GrĂŒndlichkeit, das hebt sich von normal Reisenden mit ihren Schilderungen erheblich ab. So lernt man wieder zu forschen, nachzudenken und sich an GenĂŒssen, besonders auch der kulinarischen, zu erfreuen. Zu lieben bedeutet, unsere Existenz zu bereichern, unserem Leben einen Sinn zu geben und die Welt zu verĂ€ndern. Jeder tue also was er kann.

Der Autor blickt im 81. Lebensjahr auf ein Dutzend HarkĂĄny-Kuren zurĂŒck und stellt fest: Ich habe alles richtig gemacht. Ich gebe meinen Jahren Leben, ein lebenswertes Leben.
(Übrigens: Die zahlreichen farbigen Fotodokumente sind wie Perlen in diesem Buchgeschenk fĂŒr die Leser.)

Eine Entdeckungsreise besteht nicht darin, nach neuen Landschaften zu suchen, sondern neue Augen zu bekommen. 
Marcel Proust (1871 – 1922)

„Liebe ist nicht in erster Linie eine Bindung an eine bestimmte Person. Sie ist eine Haltung, eine Orientierung des Charakters, welche die Beziehung eines Menschen zur Welt als Ganzes und nicht nur zum Objekt der Liebe bestimmt.“
Erich Fromm


Karl-Heinz Otto: „Wunderwasser HarkĂĄny. Ein Gesundheitstrip & kulturhistorischer Ausflug in die Baranya – Heimat der Donauschwaben. 1. Auflage 2018, Edition MĂ€rkische Reisebilder, Korrektur: Regine Miks, Vertrieb: Phon: 0331 270 1787, Mail: dr.carlotto@t-online.de, ISBN 978-3-934232-99-0, 367 Seiten, Preis: 20 Euro
berghĂŒgel
 
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